Bad Governance in Bosnien-Herzegowina: Die stille Revolution

Bad Governance in Bosnien-Herzegowina: Die stille Revolution

Dokumentation

Immer mehr Menschen verlassen Bosnien-Herzegowina. Sie haben genug vom Dauerversagen der bosnischen Politiker. Und genug von einer Kaste, die 22 Jahre für die Allgemeinheit kaum etwas zu Stande brachte und nun neuerlich auf destruktiven Nationalismus setzt, der das Land und die Menschen spalten und ihnen die nächsten Wahlerfolge sichern soll.

Hadžić: Satirische Darstellung der Lage, in der sich junge Menschen befinden
Hadžić: Satirische Darstellung der Lage, in der sich junge Menschen befinden — Image Credits

Symbolträchtiger könnte man die desolate Lage junger Menschen in Bosnien nicht dokumentieren: Als ein junges Paar aus Doboj jüngst  vor den Traualtar trat, hatten sie nur ein Ziel für die anstehende Honeymoon-Reise: Noch im Brautkleid und Anzug stellten sie sich an die Straße, einen Lederkoffer vor sich und ein Schild in der Hand mit großen Lettern: Njemačka – Deutschland.

Mit ihrer Aktion schaffte es das junge Paar sogleich in die bosnischen Medien. Mit ihrem symbolischen Akt, der signalisieren soll: Nur raus hier  stehen sie indes keineswegs allein. Massenhaft wollen sie derzeit weg, die Jungen, die gut Ausgebildeten, oftmals ganze Familien. Und die meisten, die das Land verlassen, planen erst einmal, nicht  wieder zu kommen.

Es ist eine Revolution, die sich auf diese Weise ihren Weg bahnt, eine, die sich freilich nicht im Innern artikuliert, nicht Tausende auf die Straßen spült, die ihrem Unmut mit den Zuständen in Nachkriegs-Bosnien Luft machen würden. Vielmehr ist es eine stille Revolution, die Zehntausende Jahr für Jahr aus dem Land treibt, die genug haben von Korruption und Nepotismus, von Destruktivität und staatlicher Dysfunktionalität, von Politikern, die ihr Amt nicht zur Lösung der drängenden Probleme nutzen, sondern zur Bereicherung von sich und ihren Angehörigen.

22 Jahre nach Kriegsende ist Bosnien-Herzegowina in einem alarmierendem Zustand: 50 Prozent der Menschen sind ohne Arbeit, bei den Jugendlichen sind es gar mehr als 60 Prozent.  Tagsüber sind die Cafés voll in Cup-cake-Country, eine ganze Generation junger, motivierter Menschen sitzt da stundenlang und weiß nicht, wohin mit sich.

Die Infrastruktur des Landes ist - auch im Vergleich mit den übrigen Ländern der Region, die in den vergangenen Jahren ambitioniert an Bosnien vorbei gezogen sind -  ein Trauerspiel. Im ganzen Land existieren nur rund 70 Autobahnkilometer. Wer von a nach b will, muss für 100 Kilometer rund 2 ½ Stunden Zeit einplanen, entlegenste Gebiete in den albanischen Bergen weisen bessere Straßenverhältnisse auf als etwa jene halsbrecherische Piste zwischen der Hauptstadt Sarajevo und der  montenegrinischen Grenze, die weiter zur Hauptstadt Podgorica führt - ein Paradebeispiel für staatliches Versagen, gelegen in der Republika Srpska.

Und auch in anderen Bereichen haben die Machteliten des Landes in all den Jahren vor allem durch Nichtstun geglänzt: Krankenhäuser präsentieren sich auf Dritte-Welt-Niveau.

Das Gesundheitswesen ist nicht  in der Lage, kranken Menschen die erforderlichen Behandlungen zukommen zu lassen, Patienten müssen mitunter eigene Bettwäsche, Schmerzmittel und Verbandszeug mitbringen. Im Sommer schickte die Universitätsklinik Sarajevo, geleitet von der Ehefrau des Bosniakischen Präsidenten Izetbegovic, Krebspatienten in andere Krankenhäuser. Die medizinischen Apparate der Onkologie waren nicht gewartet worden – daher nicht einsatzbereit. Jüngst traten Dialysepatienten, die nahezu aussichtslos auf Transplantationen warten, in den Streik.

Auch in anderen Bereichen: Mangel,  wohin man schaut. Seit Jahren wird  in Sarajevo das Wasser abgedreht, in jüngster Zeit nimmt die Situation jedoch immer dramatischere Ausmaße an. Von 23 Uhr bis 7 Uhr geht in  Hunderttausenden Haushalten nichts mehr. Das städtische Rohrsystem ist heillos veraltet und in desolatem Zustand. Sarajevo ist wohl die einzige Hauptstadt Europas, in der die Wasserversorgung nicht gewährleistet ist. Und die Verantwortlichen?  Sie sind ganz offensichtlich nicht in der Lage, dem Problem Herr zu werden. Kein Wunder, denn oftmals sitzen nicht Experten in den entsprechenden Positionen, sondern Parteiangehörige, Cousins oder Ehefrauen. Mit dieser geballten Ladung an Inkompetenz lässt sich sprichwörtlich kein Staat machen.

Auch für den Nachwuchs haben bosnische Politiker seit Ende des Kriegs wenig getan: Kinderspielplätze, wenn überhaupt vorhanden, sehen aus wie in den 60er Jahren, etliche Schulen des Landes erinnern in ihrer kärglichen Ausstattung an Einrichtungen in Nachkriegs-Deutschland. Mit ihrer nationalistischen Einflussnahme, die auf Segregation und Teilung der Schülerschaft ausgerichtet ist, verwehren die Politiker der jungen Generation systematisch eine an modernen, europäischen Standards ausgerichtete qualitative Bildung. Laut Unicef sind rund 30 Prozent der Kinder in Bosnien von Armut betroffen, die Teilnahme an vorschulischer Bildung ist die niedrigste in der gesamten Region.

Lehren aus den verheerenden Balkankriegen - in Bosnien wurden  rund 100.000 Menschen getötet und rund 20.000 Frauen vergewaltigt - hat die politische Klasse hingegen kaum gezogen. Ganz im Gegenteil: Kriegsgräuel werden geleugnet, Kriegsverbrecher als Helden verehrt. Die regierenden Nationalisten aller ethnischen Gruppen (Bosniaken, Kroaten, Serben)  halten die Menschen mit hysterischer Konfliktrhetorik in Atem. Auf diese Weise konservieren sie ein System der Angst, das die Nachbarn zu Feinden der „eigenen nationalen Sache“ erklärt – um bei den nächsten Parlamentswahlen im nächsten Jahr die Verzagten und Ängstlichen neuerlich hinter sich versammeln zu können.

Reformbemühungen der Internationalen Gemeinschaft werden seitens der Politiker zwar vollmundig unterstützt, auf Tagesbasis machen sie jedoch genau das Gegenteil; sie blockieren und obstruieren; insbesondere im Bildungssystem versuchen sie, die ohnehin vorhandenen Gräben zwischen den ethnischen Gruppen zu vertiefen, um sich so die nächste Generation kleiner Nationalisten heranzuziehen und auf diese Weise ihre Macht im Staate zu zementieren.

Im Winter sind die Smogwerte in Sarajevo und Tuzla  alarmierend hoch - mitunter werden höhere Werte als in Peking erreicht. Die Politik indes zeigt bislang keinerlei Interesse, das Problem anzugehen, etwa, indem öffentliche Verkehrslinien ausgebaut oder Strategien entwickelt würden, um der folgenreichen Kohlenutzung ein Ende zu bereiten. Im Gegenteil: Während andere Länder mehr und mehr auf regenerative Energien setzen, wollen Bosniens Politiker in den nächsten Jahren insgesamt acht neue Kraftwerke bauen. Zum Schaden der Bevölkerung.

Wo man auch hinschaut, zeigt sich in Bosnien und Herzegowina ein Defizit an politischem Willen und Können, Herausforderungen zu meistern. Von good governance zur Lösung sozialer, ökologischer und ökonomischer Probleme haben die auf Machterhalt ausgerichteten Politikvertreter kaum etwas gehört, statt dessen treiben sie mit „bad“  bis „no governance“ die Menschen aus dem Land.

Während tausende Rentner jüngst in Sarajevo für bessere und würdigere Lebensumstände demonstrierten, packen die Jungen lieber ihre Koffer. Fragt man, was sie einmal nach Schule oder Studium machen wollen, bekommt man in der Regel nur eine Antwort: Schnellstmöglich weg - raus aus einem Land, deren politische Kaste sich seit Jahrzehnten weigert, die Dauermisere zu beenden, ja - ganz im Gegenteil -  die dabei ist, die existierenden Probleme noch weiter zu vergrößern.

Die meisten zieht es nach Deutschland und Österreich oder Schweden[1], wo sie zeigen können, dass Expertise, Leistung und Können zählt - und nicht die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe, einer Partei oder einem Clan. Es ist nicht zuletzt der endemische Nepotismus, der Günstlinge mächtiger Politikergrößen in höchste Posten spült, der für die junge Generation eben jene Perspektivlosigkeit schafft, der sie nun entfliehen.

80.000 Menschen sollen, so die offiziellen Zahlen,  allein in den letzten zwei Jahren Bosnien-Herzegowina verlassen haben. Und dabei sind es nicht mehr nur die, die ohne Arbeit sind. Längst machen sich auch jene auf, die gute dotierte Jobs haben, bei internationalen Organisationen oder bei ausländischen Firmen arbeiten. Sie melden ihre Kinder von den Schulen ab, schließen Häuser und Wohnungen ab und gehen.

Zehntausende sehen in dem anhalten Kreislauf aus Nationalismus und Politikversagen keine Zukunft mehr. Ein Massenexodus bricht sich Bahn, der dem noch immer kriegsgebeutelten Land weiteren irreparablen Schaden zufügen wird.

Autorin: Marion Kraske, Leiterin Heinrich Böll Stiftung, Büro Sarajevo

Teil 2: Die stille Revolution – eine Dokumentation

„Life in BiH doesn´t make sense“

Von Katharina Schmitz

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Aziz H., 20, University Student, Project/Program Assistant at ACIE, Sarajevo

“Living in Bosnia and Herzegovina does not make a lot of sense. The crucial reason why I want to emigrate is the prospect of a decent life, because I have none here. A decent life includes access to a quality education system as well as access to a proper healthcare system: citizens are entitled to quality healthcare, where one doesn’t have to be afraid of doctors’ incompetence and doesn’t have to pay additionally for every basic service, although on is insured. A permanent and well-paid working position can only be found if you are the very best in your field or if you become a party member. Furthermore, a decent life offers basic rights and freedoms:  the most important thing when being a citizen of a democratic country is that the rule of law should be paramount and no one should be afraid of expressing their opinion. Why I want and always wanted to emigrate is because I feel uneasy and limited here. I know I won’t reach my full potential here and because I know I could have a better life abroad. Also, I want to be able to bring my mom to a better place one day, in order to return the love, effort and sacrifices she made for me to some extent at least. The notion of me not belonging in the society I was born into and my understanding of  it became embroidered in me at quite an early age, when I was twelve or 13 y/o and it has not left me ever since. Not a single day has passed without me thinking and dreaming about going away from here.

I am well informed about the emigration procedures of the US and Germany. Even though I am not particularly picky, I do have four top countries I’d like to emigrate to: the U.S.A., Germany, Sweden and Finland. However, also for instance the Netherlands, France, Belgium, Canada and Norway would be more than satisfactory. In the US and Germany I would start as an international student with a student visa which can upon graduation relatively easily be changed into a working visa with a permanent residence permit and eventually even into citizenship. I possess English and German language proficiency and obtained both TOEFL and Deutsches Sprachdiplom. 

Naturally, the countries I want to emigrate to are not perfect either, but the key difference is that something is being done to fix inequalities and to improve the living standard of the people. The people are much more involved and interested in shaping their own fates. There I would be taught how to think, not what to think.

I engaged as a an activist in quite a few organizations such as youth-led platforms, NGOs and other movements pushed myself to take active part in informal education, in order to reach as many as possible of my peers, which should, together with me, be the carriers of change. And it didn’t work. Even if there is progress made, it’ always one step forward, two steps back. There is no support from the state authorities on any level. Frankly, I feel no obligation anymore. It’s not my fault: I found the state of things the way they are and if those who have created the momentary situation aren’t willing to at least participate in fixing their own mess, I will not be doing somebody else’s dirty work for them. I gave my best, but the best done by individuals isn’t enough. Not until every single person here decides to be the change they want to see, will this country change. The thing that frightens me the most is that people might not even to want change, and they’ve decided to leave things as they are. All of this reassured my intention to emigrate for good.

I know dozens of people who plan to emigrate and even more who have the constant thought of emigration.  All of us have similar reasons. All of us want to leave because we know that we have chances out there to live a normal and decent life and it is up to us to take them and transform them. In some places in this world, adversity is faced by minorities of a society, but in BiH it became reality for the majority and by no means is any of us willing to be held hostage of these predicaments.”

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Damir T., 32, Sanski Most, abgeschlossene Ausbildung als Elektrotechniker, arbeitet seit seinem Abschluss in einer Bar

„Halb Sanski Most ist nach Deutschland gezogen“

„Die Perspektivlosigkeit ist der Hauptgrund dafür, dass ich und die meisten anderen hier täglich an Auswanderung denken.Genug Geld für ein gutes Leben hat hier eigentlich niemand. Das Bedürfnis nach finanzieller und sozialer Sicherheit ist groß.Die größten Sorgen macht man sich aber eigentlich um die künftigen Generationen.Hätte mein Kind hier richtige Bildungschancen? Und selbst mit einem guten Schulabschluss, einem guten Ausbildungszeugnis oder einem guten Universitätsdiplom wird es keinen Job finden.Ich möchte in einem Land leben, in dem ich eine gewisse Sicherheit habe, indem ich faire Chancen habe, mit guten Leistungen auch einen guten Job zu erhalten.Sieben oder acht meiner besten Freunde, mit denen ich zehn, 15 Jahre eng befreundet war, sind in den letzten Jahren emigriert. Vor allem die jungen Leute wollen weg aus Sanski Most. Und natürlich beeinflusst die Entscheidung der anderen auch die eigenen Gedanken über Emigration. Trotzdem ist es nie eine Entscheidung, die man unüberlegt und leicht fällt, trotz all dieser Probleme. Aber wenn die besten Freunde auswandern, das eigene soziale Netzwerk sich nach und nach auflöst, überlegt man sich irgendwann mehrmals am Tag, warum man den Tausenden nicht folgen soll, die innerhalb der letzten zehn Jahre Sanski Most verlassen haben. Dasist eine unglaublich hohe Zahl. Wenn die Politiker nicht so korrupt wären, würden wahrscheinlich mehr Menschen eine Zukunft in unserem Land sehen. Aber hier reichen unsere Löhne gerade so für Miete und Essen und daher möchte ich auch nach Deutschland auswandern.“
 

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M.J., 37, Universitätsabschluss, arbeitet in einer internationalen Organisation

„Es ist keine Frage des Lebensstandards oder des Gelds. Wir sehen hier keine sinnvolle Zukunft für unsere Kinder. Natürlich können wir hier ein gutes Leben führen, aber wir wollen auch, dass unsere Kinder in einer gesunden Gesellschaft aufwachsen.

Ich möchte nicht, dass meine Kinder andere Kinder schon wegen ihres Namens in Schubladen stecken. Ich möchte, dass meine Kinder in einer offenen Gesellschaft mit guter Bildung und Chancengleichheit aufwachsen und nicht nachher ein Klassenkamerad meines Kindes schon in der Schule verkündet, dass er aufgrund der Parteizugehörigkeit seines Vaters ja schon irgendeinen guten Job kriegen wird.

Der Nationalismus greift in den Alltag ein und erstickt jede Ambition einer individuellen Entfaltung sowie jegliche politische Reformprozesse. Diese wären dringend nötig um die strukturellen Probleme in BiH zu ändern. Gäbe es ernsthafte Bemühungen, die Verfassung zu ändern und die Bildung von der Politik zu befreien, dann würden wahrscheinlich viele bleiben, die momentan auswandern.

Trotz der hohen Arbeitslosenquote ist es nicht so, dass es gar keine Jobs gäbe. Es gibt Jobs in BiH, gerade für qualifizierte und vor allem kompetente Leute. Gerade Leute mit Jobs wandern aber aus.

Die Hochschulbildung in BiH ist an den meisten staatlichen Universitäten anspruchsvoll, die Menschen müssen viel Zeit und Mühe während des Studiums investieren und haben daher auch im Ausland gute Chancen auf einen Job, weil sie ein breit gefächertes Wissen besitzen und sich deswegen neues Wissen schnell aneignen. Gerade Medizin und IT Absolvent/innen sind sehr gefragt. Sie haben dann oft das berechtigte Gefühl, nur im Ausland ihre Fähigkeiten tatsächlich einsetzen zu können.  

Viele bleiben bewusst in BiH und versuchen etwas zu verändern, und das sind für mich persönlich die wahren Held/innen, die sich immer noch nicht haben entmutigen lassen!

Nur wenn sich die Lebensbedingungen vor Ort positiv verändern, wenn sie lebenswert werden, dann bleiben die Menschen auch.

Es ist doch schockierend, wie wenig es die politische Elite interessiert, dass gerade diese Menschen auswandern. Die Zusendung von finanziellen Mitteln seitens der Ausgewanderten an ihre Familienangehörige als etwas Positives zu deuten, zeigt nur die Ideenlosigkeit der bestehenden Strukturen. Menschen sind die wichtigste Ressource jeden Landes und Politiker/innen sollten eigentlich daran arbeiten, ihnen gute Voraussetzungen für ein angenehmes Leben zu schaffen, damit sie im Land bleiben.“

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N.G., aus Vitez, 30 Jahre alt, M.Sc Economics, momentan arbeitslos

„Since my graduation I have only gained two years and six months of work experience related to my field. I worked even for only 250 KM per month. Also, most of the working positions are not trained properly and professionally (my personal experience), which causes unnecessary stress.  If I would live somewhere else my education and effort would have been much more appreciated. I would have had an appropriate salary and training for my work and I would have been able to make something of my life.

I lived one year abroad and had the chance to see that people can have a better life. People are more positive and less limited than here. A 30 year old person is not considered young anymore in BiH –you should get married and have children. Even though you can't give them good life, it doesn't matter. And the worst thing is: most of people get stuck in nationalism and the mindset of the war that happened years ago. Young people „make noise” on forums talking about that instead of economy, employment, prosperity... I guess those people are satisfied with the situation in the country. I am not. I gave all I could to this country; I tried hundreds of times, hoping that the situation will improve eventually. I feel like I don't want to give any contribution to this country anymore.

So, I will leave. I have a few ideas where to go, but most likely I will go to Ireland first. Later on, I will maybe move somewhere else. I am not sure if I will live abroad for a long time, it depends on my progress there. But at this moment, I can't see myself in Bosnia and Herzegovina – even if I had a great salary and job. I just got tired of everything here. I think other young people feel the same. And you see, they just let us go. They, the politicians who are responsible for our miserable situation,  are not even trying to improve people’s life in order to make them stay.

By the end of this month I will leave with my friend to create better life. Bosnia and Herzegovina is amazing if we talk about nature and people. But system is disrespectful towards educated and hard working people, who will bring their potential somewhere else with a reason.“
 

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T.P., 32 y /o, Zenica,  Bachelor’s Degree in Law, unemployed   

“Last year, I lost the third job in a year (for no justified reason) to the son of a friend of the Mayor. Previously, the Mayor, who is the Head of the Public Company, ordered to cancel all fixed-term contracts, so mine was cancelled too. That was the moment I decided to emigrate. Since then I am learning German. When I will have sufficient language skills I want to start to look for a job, apply for a visa and make an appointment at the Embassy. I am not sure yet whether to go to Austria or Germany, but I am convinced that I have better and fairer chances to find a job that will provide enough money for a decent living in both countries. In BiH, when you work outside of the State Service, the salary does not cover your basic monthly expenses such as bills, rent and food. I am not even talking about travelling or buying a car or house, I am talking about basic needs. You simply cannot live from what you earn.

The main reason for my emigration is unemployment though. I have a Degree in Law and I’ve only worked for two and a half years in total. For almost five years in total I have been looking for job. Corruption and nepotism make it hard to find a job and are other significant reasons to emigrate. Corruption and nepotism are everywhere (jobs, healthcare, education…). I have even tried to find a job outside my field, but I did not succeed. I am 32, and have only worked for two and half years! One could say I feel pushed out of my country.

Emigration is not an easy and spontaneous decision. I have exhausted all other means of action: not only did I obtain a Law Degree; I did extra training sessions, searched for alternative jobs, frankly any kind of job. I volunteered in NGO’s, participated in civic society and elections in order to have an influence, in order to make a change and to put an end to the paralyzing corruption and nepotism of the political elites. But it did not help. And while more and more reasons to emigrate pop up, less and less reasons to stay in BiH remain. As mentioned, the decision is not made easily and has to be well planned. My husband and I plan to emigrate together. As he is working for a German company, he already speaks German. Even my parents want to emigrate with us. My mother is a trained nurse, she has good chances to find a job and have a better life abroad.

We know many people that emigrated, even very good friends of ours, and all of them have better lives now. They work hard, but they have good work. They had fair chances to be judged by their competence and experience to obtain the job. They have better labor rights, good health insurance and enough money to preserve a decent living standard. Above all, they created a safer and more prosperous environment for their children to grow up, to gain a good education and to have fair chances in life. So why should I stay here?”

 

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Irfan H., 22, Krankenpfleger und Physiotherapeut, Sarajevo, momentan arbeitslos

„Ich habe bereits Familie in Deutschland. Das ist sehr hilfreich. Momentan habe ich in hier keinen Job, obwohl ich meine Ausbildungen zum Krankenpfleger und Physiotherapeuten gut abgeschlossen habe. Ich habe auch zukünftig keine Aussichten auf eine gute Anstellung hier in BiH. Deshalb habe ich den festen Entschluss gefasst nach Deutschland auszuwandern. Zurzeit bereite ich mich auf mein Deutsches Sprachdiplom der Stufe B2 vor.

In Deutschland sind sowohl die Lebens- als auch Arbeitsbedingungen sehr viel besser als in BiH. Dies betrifft alle Bereiche, wie z.B. die Gesundheitsversorgung und Arbeitsrechte. Bosnien und Herzegowina ist ein Land für ältere Menschen, aber es bietet keine Perspektive für die Jungen. Vielleicht kehre ich zurück, wenn ich älter bin, aber das ist kein fester Plan. Zunächst möchte ich nun anfangen mich über Visaregelungen, etc. zu kümmern. Allerdings ist es schon ausgemacht, dass ich erstmal zu einem Freund ziehe, der bereits in Stuttgart wohnt. Selbst wenn sich anfangen würde etwas zu ändern würde ich auswandern. Das politische System ist zu festgefahren, um großartige Änderungen mit positiven Konsequenzen in näherer Zukunft zu vollbringen. Aber selbst wenn, ich werde auf jeden Fall auswandern und zwar so schnell wie möglich.“

Kids Fest logo — Image Credits

Susanne P.: "Die Frage, warum ich BiH verlasse?

Erstens, lebt meine Familie in Deutschland, und meine Kinder haben schon vor Jahren, als Teenager, entschieden, Schule und Ausbildung in Deutschland zu machen, wo es viel mehr Chancen, Möglichkeiten und vor allem eine „moderne, normale“ Welt gibt. Genau das sahen sie in Bosnien nicht, obwohl sie in Sarajewo geboren und aufgewachsen sind, eine wunderbare Kindheit und viele Freunde hatten.

Zweitens, aus professioneller Sicht, hat mein Projekt Kid's festival in Bosnien begonnen, dann hat es sich immens entwickelt - in anderen Ländern. Heute ist mein vorrangiges Ziel dieses globale Konzept „KidsFest international“ weiter zu entwickeln, weltweit. Daher ist der Standort Berlin weitaus besser.

Drittens, und das der politisch relevanteste Grund, da er Indikator für vieles ist, was in BiH nicht so ist, wie es sein sollte, könnte, oder die Menschen es sich wünschen würden:

Nach vierzehn Jahren, und mit dem Wegfall internationaler Förderungen, gibt es für Kid's festival, das größte landesweite Kinder-und Jugendevent im Balkan, leider keine Perspektiven mehr in BiH: Ob man es sehen will oder nicht, Kid's festival in Sarajevo heißt eigentlich, gegen und nicht mit „Der Politik“ arbeiten, und das bedeutet: Nicht aufbauen, strukturieren, planen können (wie etwa in Tunesien), es heißt nicht für, sondern immer gegen etwas zu kämpfen. Es ähnelt mehr politscher Widerstands- als Kulturarbeit. Was zur Folge hat, jedes Jahr immer mal gerade so zu überleben, improvisieren, betteln, um am Ende wie durch ein Wunder ein glanzvolles Fest für Zehntausende Kinder aus ganz Bosnien zu gestalten. Tatsache ist: Kid's festival wird nicht vom Staat getragen, und die Kinder, die es lieben, haben eben keine Macht.

KidsFest ist nicht das Aushängeschild einer Partei oder ethnischen Gruppe - deswegen bleiben uns alle Türen verschlossen. Es gibt in diesem Staat kein „unser“ Gemeinwohl, im Sinne von allen Bevölkerungsschichten, es gibt das „meins“ und zweitrangig das „uns“, wobei das „uns“ nie die Welt, nie alle Bosnier beinhaltet. „Uns“ gibt es nur in Gruppierungen: Familie an erster Stelle, dann im größeren Sinne ethnische Gruppen. Es trifft genau zu, was mir der ehemalige Kulturbeauftragte der Stadt Sarajewo schon zu Anfang, vor 15 Jahren mitteilte: Du wirst nie Erfolg haben. Kid's festival ist zwar das beste Projekt, das es in diesem Land gibt, und Sarajevo sollte alles tun um es zu fördern, aber das wird nie passieren - ihr passt nicht ins System, weil ihr nicht dieser oder jener Gruppe zugehörig seid. Jede Bemühung unsererseits Aufmerksamkeit, konsistente Unterstützung für das Kid's festival zu erhalten, waren fruchtlos, abgesehen von ein paar „Höflichkeits-Peanuts“. Kid's festival dient Sarajevo offensichtlich nur als Aushängeschild, als multi-ethnisches Alibi. Einen politischen Willen, Kinder der verschiedenen ethnischen Gruppen zusammenzuführen gibt es nicht. Die Zeit ist reif, von  Bühne der kulturellen Events in Sarajevo abzutreten. Abwesenheit spricht Bände. Wir veranschaulichen eine Illusion, die sich in Luft auflöst. Das ist meine persönliche, wie auch politische Message."