„I ja ostajem“ – junge Menschen in Bosnien und Herzegowina

Bericht

Politische Zerrissenheit, Luftverschmutzung und eine hohe Arbeitslosigkeit, das sind nur einige Gründe, welche in den letzten Jahren Tausende dazu bewogen haben Bosnien zu verlassen. Die Geschichten von jungen Leuten, die ihr Glück in Westeuropa suchen, sind zahlreich. Dabei gehen oft die jungen Leute vergessen, die versuchen in einer abnormalen Situation ein normales Leben zu führen und sich für eine bessere Zukunft Bosniens einsetzen.

Jugendliche in BiH
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Jugendliche in BiH

„I ja ostajem“ – junge Menschen in Bosnien und Herzegowina

Dritter Stock. Hier sollte ich richtig sein. Eine Klingel hat es keine, ich klopfe, kurz darauf öffnet mir Alma die Tür und empfängt mich mit einem herzlichen Lachen. Nach einem kurzen Rundgang durch die charmante Wohnung, die zum Gemeinschaftsbüro umfunktioniert wurde, begeben wir uns in die Küche. Es riecht nach frischem Zigarettenrauch. Alma macht mir einen Tee und streckt mir einen Schokoladenrigel entgegen. „Der kommt aus der Schweiz“, meinte sie. Gerade eben ist das Team aus Bern zurückgekehrt von einem Workshop zum Thema Demokratie.

Wir setzen uns in das Büro von Alma und sie beginnt mir die Organisation für Kultur und Kunst Crvena[1] vorzustellen. Von einem kleinen Webradio, über Demokratiebildung bis zu Kunstveranstaltungen deckt die Organisation alles ab und so vielfältig ist auch das sozialpolitische Engagement von Alma. Ich kann nicht lange verheimlichen, dass mich die Frage nach ihrer Motivation sich für sozialpolitische Themen einzusetzen, in einem Land, in dem politische Veränderungen fast unmöglich scheinen, besonders interessiert. Alma lacht und meint: „Ich hatte den Eindruck, dass in anderen Ländern viele Dinge auch nicht so funktionieren, wie sie sollten. Der Wohlstand der meisten Länder basiert doch eigentlich auf Ungleichheit. Lebt es sich so wirklich besser? Gleichzeitig bin ich mir auch bewusst, dass da draußen niemand auf mich wartet. Hier bin ich geboren und fühle mich zu Hause.“ Alma macht eine kurze Pause, senkt den Kopf, seufzt und meint: „Ja klar, das Leben hier kann einem manchmal schon sehr traurig erscheinen.“ Sie meint es sei keineswegs leicht eine positive Vision des Landes für die Zukunft zu entwickeln und daran zu glauben. Aber weißt du, ich mag diese verrückten Leute hier und das motiviert mich, mich zu engagieren.“

Perspektivenlosigkeit Bosniens

Glaubt man den internationalen Medien, scheint das Leben in Bosnien perspektivenlos. Die Luftverschmutzung, die politische Zerrissenheit, die Segregation und die hohe Arbeitslosigkeit sind nur einige Gründe, welche in den letzten Jahren zehntausende Bosnier und Bosnierinnen dazu bewogen haben, ihre Heimat zu verlassen. Allein im letzten Jahr lag die Zahl der Auswanderer bei rund 40`000, was bei einer Gesamtbevölkerung von rund 3,5 Millionen einem doch nachdenklich stimmt. Es sind besonders junge Leute, die das Land verlassen. Kein Wunder, die Jugendarbeitslosigkeit betrug im Jahr 2018 knapp 55%.[2] So sind sie zahlreich, die Geschichten von jungen Menschen die Bosnien verlassen, um ihr Glück in einem anderen Land zu finden. Und dennoch gibt es auch Geschichten, von jungen Leuten wie Alma, die hierbleiben wollen, an eine positive Zukunft von Bosnien glauben und sich dafür einsetzen. Inspiriert von dem Gespräch mit Alma, habe ich mich aufgemacht, um einige dieser jungen Leute zu treffen und mir ihre Geschichten anzuhören.

Vielfalt als Zukunftsmodell

Ich treffe Dino an einem Freitagabend nach der Arbeit in einem Kaffee im Zentrum von Sarajevo. Nachdem wir die Getränke bestellt haben, erzähle ich ihm, dass ich aus der Schweiz, genauer aus Luzern komme. Dino lacht und meint: „Echt? Während des Krieges habe ich mit meiner Familie für fünf Jahre in Luzern gelebt, erinnern kann ich mich aber nicht mehr an viel.“ Dino kommt ursprünglich aus Mostar, heute lebt und arbeitet er in Sarajevo. In Mostar funktioniert die Schule nach dem System "zwei Schulen unter einem Dach". Was bedeutet, dass die bosniakischen und die kroatischen Kinder nach einem getrennten Lehrplan, in einem getrennten Schulgebäude unterrichtet werden. Selbst die Pausenplätze sind voneinander getrennt. Dino ist es stets schwergefallen, nachvollziehen zu können, was der Vorteil dieser ethnischen Trennung sei. Deshalb hat er zusammen mit anderen Schülern ein kroatisch-bosniakische Studentenvertretung ins Leben gerufen und begonnen sich politisch zu engagieren. „Ich versuche auf unterschiedliche Weise den Menschen hier zu erklären, dass die Überwindung von ethnischen Grenzen wichtig ist für eine bessere Zukunft“, erklärte mir Dino. Eines der Probleme ist, dass die Medien und die Politiker diese Spaltung der Gesellschaft aufrechterhalten und weiter bestärken. „Dagegen versuche ich anzukämpfen, indem ich Texte schreibe, mich mit den Leuten austausche und mich politisch engagiere. Ich bin überzeugt, dass eine vielfältige und multikulturelle Gesellschaft viele positive Aspekte mit sich bringt.“ Gegen das Ende des Gespräches, meint Dino dann: „Es kann schon sehr frustrierend sein hier und manchmal denk ich auch daran wegzugehen. Dennoch glaube ich nicht, dass es einfacher wäre in einem anderen Land das Glück zu finden und ich fühle mich auf eine gewisse Weise auch verantwortlich für unsere Gesellschaft.“

Kritisches Denken fördern

Eigentlich wollte ich Sara in Jajce treffen, da sich dies aber mit dem öffentlichen Verkehr als etwas schwierig erwies, haben wir uns auf ein Skype Meeting geeinigt. Sara ist Kolumnistin und schreibt für verschiedene Portale, unter anderem auch für die Webseite Balkan Diskurs[3]. Balkan Diskurs ist eine Plattform, die Texte von jungen Leuten publiziert, die Stereotypen hinterfragen und neue Perspektiven auf Gesellschaft, Kultur und Politik aufzeigen. Ihren Aktivismus sieht Sara hauptsächlich darin, gute Texte zu schreiben und mit diesen die Gesellschaft zum Denken anzuregen. Sara hat Kommunikation in Banja Luka studiert. „Ich ging gerne an die Universität aber es war nicht der Ort, an dem ich gelernt habe kritisch zu denken. Bei den meisten Studenten stehen die Noten und das Bestehen der Prüfungen im Fokus. Dieses Denken zieht sich bei den jungen Leuten dann oft auch weiter: Primär geht es darum in Zukunft gutes Geld verdienen zu können.“ Sara meint, dass es in Bosnien und Herzegowina an einem Bildungssystem mangelt, welches die Menschen dazu anregt kritisch zu denken und die von den Politikern verbreiteten nationalistischen Narrative zu hinterfragen. „Und deshalb versuche ich mit meinen Texten die Menschen zum kritischen Denken anzuregen.“ Am Ende unseres Gespräches meint Sara in einem ernsthaften Ton: „Ich kann mir nicht vorstellen für längere Zeit im Ausland zu Leben. Mein großer Wunsch ist es hier eine Plattform zu schaffen für tolle Geschichten. Es gibt so viele wunderbare Geschichten, die man über Bosnien erzählen sollte.“

Überwindung der ethnischen Trennung

Tarik erwartet mich in einer Bar hinter der Akademie der bildenden Künste in Sarajevo. Ursprünglich ist Tarik aus Gornji Vakuf-Uskoplje, eine Stadt westlich von Sarajevo, welche vom Krieg besonders stark betroffen war. Das Dorf ist bis heute neben Mostar eines der bekanntesten Beispiele für die aktive politische Aufrechterhaltung der ethnischen Segregation. Die Segregation zeigt sich bereits im Doppelnamen der Stadt: Gornji Vakuf-Uskoplje. Die bosnischen Muslime verwenden den Namen Gornij Vakuf, die bosnischen Kroaten Uskoplje. „Die Teilung ist bis heute im alltäglichen Leben der Bevölkerung deutlich spürbar“, so Tarik. Nicht verwunderlich, dass die Stadt Gornji Vakuf-Uskoplje das System "zwei Schulen unter einem Dach" auch weiter aufrechterhält. Tarik erzählt: „Ich habe mich oftmals dieser Trennung wiedersetzt, ich hatte Glück ein guter Schüler zu sein, so wurde ich kaum für mein Fehlverhalten bestraft.“ Tarik konnte den Sinn dieser Teilung der Gesellschaft nie richtig nachvollziehen. „So habe ich begonnen dagegen anzukämpfen und den Menschen aufzuzeigen, dass ein Leben jenseits von ethnischer Segregation die bessere Option für uns alle ist.“ Seit der Schulzeit engagiert sich Tarik deshalb im Youth Center Gornji Vakuf-Uskoplje [4]. Das Zentrum versucht, die durch den Krieg getrennte Gemeinschaft zusammenzubringen und mit verschiedenen Aktivitäten Stereotypen und Vorurteilen zu bekämpfen. Während des Studiums in Sarajevo ist Tarik immer wieder nach Gornji Vakuf-Uskoplje zurückgekehrt und hat sich im Zentrum engagiert. Seit kurzem hat er aber in Sarajevo eine neue Stelle angetreten, so bleibt ihm weniger Zeit sich im Zentrum zu engagieren. Dennoch versucht er im täglichen Austausch mit den Menschen gegen die ethnische Trennung weiter anzukämpfen. „Es ist mir ein Anliegen den Menschen zu sagen, dass wir die Vergangenheit ruhen lassen sollten und versuchen von den Fehlern zu lernen. Diese ethnische Trennung bringt uns nicht weiter. Wir müssen es endlich schaffen über ethnische Grenzen hinaus eine gemeinsame Zukunftsvision zu entwickeln.“ Tarik ist sich bewusst, dass ein Leben außerhalb von Bosnien nicht einfacher sei. „Ich fühle mich hier zu Hause und ich bin davon überzeugt, dass wir nicht darauf hoffen können, dass jemand für uns die Situation hier verbessern wird. Tatsächlich müssen wir es selber anpacken.“

Höre dazu auch das Audiofeature: Ein Leben in der Blase – Život u balonu