Abriss des albanischen Nationaltheaters

Am Sonntagmorgen den 17. Mai um 4.30 Uhr beginnt die Stadt mit dem Abriss des albanischen Nationaltheaters in Tirana. Polizisten stürmen das Gebäude, das seit Juli letzten Jahres von Aktivisten besetzt wird. Unter Einsatz von Tränengas nehmen sie zwanzig Personen fest. Wenig später schlägt eine Baggerschaufel gegen die Fassade des Hauses. Zwei Jahre hatten Theaterschaffende und Akteure der Zivilgesellschaft um den Erhalt des Gebäudes gekämpft, das jetzt in Trümmern liegt. Die Ereignisse zeugen von einer autoritären Regierungspraxis – dagegen regt sich Protest.

National Theater Tirana
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Demos gegen den Abriss des Nationaltheaters in Tirana

Widerstand gegen das Bauvorhaben

Den Abriss hatte Premierminister Edi Rama erstmals im Frühjahr 2018 angekündigt. An der Stelle des Theaters soll ein Gebäudekomplex mit Wohn- und Büroeinheiten sowie eine Shoppingmall entstehen. Dazwischen wird auch das neue Theater platziert, entworfen vom dänischen Architekten Bjarke Ingels. Weniger als die Hälfte der ursprünglichen Fläche ist dafür vorgesehen.

Doch das Vorhaben stieß auf Widerstand, weil dafür eine größere Fläche der Innenstadt privatisiert werden sollte. Ursprünglich war eine vollständige Finanzierung mittels Public-Private-Partnership (PPP) vorgesehen. Angeblich, weil die Stadt nicht über ausreichend Mittel verfügt um die notwendigen Renovierungsarbeiten vorzunehmen. Rama und Bürgermeister Erion Veliaj betonten wiederholt, es sei „unmöglich“ das alte Gebäude zu renovieren. Anfang des Jahres beschloss die Regierung dann doch öffentliche Gelder bereitzustellen. Die Stadt soll den Neubau nun selbst vornehmen und dafür einen Kredit über 30 Millionen Euro aufnehmen.

Dass ausgerechnet die Baufirma Fusha Sh.p.k beauftragt wurde, sorgte ebenfalls für Unmut. Denn das Unternehmen ist mittlerweile fast alleiniger Auftragnehmer der Gemeinde Tirana. Dabei handelt es sich häufig um Direktverträge, die immer wieder des fiktiven Wettbewerbs verdächtigt werden – so auch in diesem Fall. Lokale Zeitungen berichten immer wieder von der „Lieblingsfirma“ der Stadt, die regelmäßig mit lukrativen Aufträgen versorgt werde. Wiederholt war von Korruption die Rede. Im Sommer 2018 veröffentlichte das Medienportal JOQ eine Rechnung, die zeigte, dass der Inhaber der Baufirma Shkëlqim Fusha dem stellvertretenden Bürgermeister von Tirana Arbjan Mazniku zwei Hotelübernachtungen in Barcelona im Wert von 1.816 Euro bezahlt hatte. Mazniku behauptete später, Fusha die Summe bar zurückgezahlt zu haben. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft das wegen passiver Bestechung und Amtsmissbrauch eingeleitete Ermittlungsverfahren eingestellt.[i]

Es schien fast nebensächlich, dass mit dem Abriss auch ein Stück albanische Geschichte verschwindet. Das Gebäudeensemble wurde in den 1930er Jahren von den italienischen Besatzern erbaut und überstand die sozialistische Diktatur. Anfangs beherbergte es ein Kino, 1947 wurde es zum Nationaltheater. Seither schlägt dort das kulturelle Herz der Stadt. Unter dem kommunistischen Diktator Enver Hoxha fanden dort außerdem die ersten Schauprozesse gegen „Staatsfeinde“ statt.

Die betroffenen Schauspieler gründeten die „Allianz zum Schutz des Theaters“ (Aleanca për Mbrojtjen e Teatrit). Die Vereinigung fand schnell Unterstützer. Darunter waren erprobte Aktivisten, die sich schon länger gegen verschiedene Bauprojekte engagierten und die neoliberale Stadtentwicklungspolitik kritisierten. Wiederkehrende Themen waren die autoritäre Entscheidungsfindung, intransparente Vergabeverfahren, die Privatisierung öffentlicher Ressourcen und Verdrängung. Den Aktivisten ging es um mehr als die Gestaltung des Stadtraumes; es ging ihnen um die Beteiligung an politischen Entscheidungsprozessen. Aus der Allianz entwickelte sich das, was sich durchaus als „Recht auf Stadt“-Bewegung bezeichnen ließe.

Doch immer wieder setzte sich Premierminister Rama gegen die Aktivisten durch. Dabei schien jedes Mittel recht. Im September 2018 verabschiedete die Regierung ein Sondergesetz, dass die Standardverfahren zur Vergabe öffentlicher Aufträge außer Kraft setzte und das Theatergrundstück direkt an den Privatinvestor veräußerte. Rechtsexperten hielten das Vorgehen für verfassungswidrig. Weil das Verfassungsgericht zu diesem Zeitpunkt nicht beschlussfähig war, konnte das Gesetz nicht überprüft werden.

Schulterschluss mit der Opposition

Im Juli 2019 verbrüderten sich die Theater-Aktivisten mit der Opposition. Die Allianz unterzeichnete einen Vertrag mit PD-Führer Lulzim Basha, in dem er seine Unterstützung zusicherte und versprach, das Gebäude unter Denkmalschutz zu stellen, sollte seine Partei an die Regierung kommen. Von da an inszenierte er sich als Retter des Theaters. Auch in der internationalen Berichterstattung konnte dieser Eindruck gelegentlich entstehen. Gleiches galt für Präsident Ilir Meta sowie dessen Ehefrau Monika Kryemadhi, Vorsitzende der Oppositionspartei LSI, die sich ebenfalls dem Protest anschlossen. 

Tatsächlich sind diese Figuren keine Freunde mündiger Bürger. Die PD war an der Macht als 2011 bei einer Demonstration vier Menschen von der Republikanischen Garde erschossen wurden. Und Präsident Meta ist derjenige, der besagte Demonstration mit einem Korruptionsskandal ausgelöst hatte.

Seit die Regierungspartei PS bei den Parlamentswahlen 2017 die absolute Mehrheit erlangte, strebt Basha einen Regierungssturz an. Seine Abgeordneten verließen das Parlament, boykottierten die Lokalwahlen und organisierten landesweite (aber weitestgehend wirkungslose) Proteste. Eine Protestbewegung, die sich gegen Rama richtete, kam ihm in dieser Situation sehr gelegen.  

Beobachter hätten das Bündnis mit der Opposition zunächst für eine Verzweiflungstat halten können. Doch als Edmond Budina, Schauspieler und Mitglied der Allianz, im März 2020 plötzlich bei einer großen Demonstration neben Präsident Meta auf der Bühne stand und sich von Oppositionsanhängern bejubeln ließ, schien es als hätte es doch parteipolitische Ambitionen gegeben.

Letztlich musste die Partnerschaft mit der Opposition erfolglos bleiben. Denn mit dem Erscheinen einer der etablierten Parteien schwindet für gewöhnlich die Unterstützung in der Bevölkerung, die das Vertrauen in die politische Klasse längst verloren hat.

Die Gegenprobe dieses Phänomens bildeten die Demonstrationen der Studenten, die im Winter 2018/2019 für bessere Bedingungen an den Hochschulen auf die Straßen gingen. Weil sie die Zusammenarbeit mit den Parteien ablehnten, wurden sie zur größten Bewegung der letzten Jahre. Im Dezember demonstrierten zehntausende Studenten durch Tirana und sechs weitere Städte. Letztlich unterbrachen sie die Demonstrationen, als die PD die Massenansammlung für sich nutzen wollte. Basha wollte es so aussehen lassen, als seien die Anwesenden Unterstützer seiner Partei.

Ein weiteres Problem an der Partnerschaft ist das andauernde Kräftemessen zwischen Rama und Basha. Macht sich einer der beiden ein Thema zueignen, wird es im Gerangel zwischen den Parteiführern zerrieben. Denn Kritik am Thema wird dann nur noch als Kritik am Schirmherrn und seiner Partei interpretiert. Der Dualismus ist weitverbreitet und lässt manchen Meinungsäußerer in eine Falle tappen: Wer sich kritisch gegenüber Rama äußert, gilt als Unterstützer Bashas – und andersrum. Mit dem Abriss des Theaters sendete Rama eine klare Message: Es gibt nur einen, der hier gestalten darf!  

Machdemonstration Abriss

Im Mai spitzte sich die Situation zu. In einem rechtlich abermals fragwürdigen Prozess übertrug der Stadtrat erst das Grundstück vom Kulturministerium an die Stadtverwaltung von Tirana und beschloss anschließend den Abriss des Gebäudes. Ein Datum für den Abriss wurde im entsprechenden Beschluss nicht festgelegt. EU-Kommissarin Mariya Gabriel warnte in diesen Tagen vor einer „unumkehrbaren Entscheidung“ und rief zum Dialog auf.[ii] Zwei Monate zuvor hatte der europäische Denkmalschutzverbund „Europa Nostra“ das Theater auf die Liste der sieben am stärksten gefährdeten Denkmale Europas gesetzt. Basha bezeichnete das Vorgehen deshalb als einen „Akt gegen Europa“.[iii]

Albaniens Ombudsfrau leitete eine administrative Untersuchung der Eigentumsübertragung ein, um herauszufinden, ob das Vorgehen die Rechte der Bürger verletzt habe. Doch bevor diese Frage geklärt werden konnte, wurde das Gebäude abgerissen.

Die Ereignisse sind noch aus einer anderen Perspektive bemerkenswert: Der Mann, der das kulturelle Herz der Stadt abreißen ließ, wird anderswo als Künstler gefeiert. Rama ist bekannt für bunte Dokumente, die er während Verhandlungen oder Telefonaten bemalt. Während er seine Kunstwerke in Berlin ausstellte, verteidigten die Aktivisten in Tirana das Theater. Das schien vielen paradox. In einem offenen Brief wanden sich mehrere hundert Unterzeichner an die internationale Kunstszene, mit der Forderung das „Artwashing“ zu beenden – gemeint ist seine Imageaufbesserung als Politiker durch seine Kunst.[iv]

Heute ist kaum zu glauben, dass Rama in den 2000ern als Bürgermeister von Tirana mit bunter Fassadengestaltung Sympathien gewann. Seine Botschaft damals: Die Stadt soll den Menschen als ein Ort der Möglichkeiten, nicht des Schicksals erscheinen.[v] Heute spielt Rama Schicksal.  

Das Machtgebaren war mit dem Abriss des Gebäudes noch nicht vorbei. Wenige Stunden später postete Rama ein Video auf Facebook, das die Aktivisten verhöhnt und seine Selbstwahrnehmung offenbart. Es zeigt Aufnahmen von Protesten gegen jüngere Bauprojekte neben aktuelleren Bildern nach deren Umsetzung und dokumentiert damit gewissermaßen den Siegeszug eines Autokraten über die Projektgegner. Am Ende des Videos erscheint ein Text: „Das sind die gleichen. Sie sind gegen jedes Projekt in Tirana! Sie wollen keine Entwicklung! Aber: Tirana lässt sich nicht aufhalten.“[vi] Offensichtlich ist der Premierminister einem Missverständnis aufgesessen: Er glaubt, er sei Tirana.

Reaktionen und Proteste

Die Theater-Aktivisten und regierungskritische Medien interpretierten den Abriss als Startschuss für die Implementierung einer Diktatur. Die Allianz postete ein Foto aus der Abrissnacht, das einen maskierten Polizisten mit Maschinenpistole zeigt. Darüber stand die Frage: „Noch immer nicht davon überzeugt, dass wir in einer Diktatur sind?!“[vii]

Internationale Akteure tadelten den Abriss und riefen zum Dialog auf. Auch der deutsche Botschafter reagierte via Facebook: „Der eilige Abriss des Nationaltheaters in Tirana heute im Morgengrauen ist für mich in der Form, wie wir ihn gesehen haben, schwer nachvollziehbar. Gerade im aktuellen Ausnahmezustand sind Dialog zwischen Regierung und Zivilgesellschaft sowie transparentes Regierungshandeln besonders wichtig (…) Ich rufe alle Akteure zu Dialog und Zurückhaltung auf.“[viii]

Trotz der strikten Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus[ix] versammelten sich am Tag nach dem Abriss zahlreiche Bürger auf dem Theatervorplatz. Darunter auch solche, die nie zuvor an der Bewegung beteiligt waren. Die Nacht- und Nebelaktion hatte sich für viele wie ein Betrug angefühlt. Jetzt wollten sie ihre Enttäuschung ausdrücken.

Aus dem Protest für den Erhalt des Theaters wurde ein Protest gegen die „Diktatur“, wie auf den Plakaten der Demonstranten zu lesen war. Wieder gab es zahlreiche Verhaftungen. Polizisten zerrten die Demonstranten gewaltsam von der Straße. Was den Protest letztlich beendete, war das Erscheinen der oppositionellen Gefolgschaft. Als sie den Platz betraten, verließen ihn viele andere. Die Entwicklungen zeigen wieder einmal, dass politischer Wandel nur fernab der etablierten Parteien möglich ist. 

Obwohl der Kampf um das Theatergebäude verloren ist, war der Protest kein Misserfolg. Denn die Bewegung hat zahlreiche Missstände offenbart. Die Aktivisten haben ihrem Wunsch nach politscher Beteiligung Ausdruck verliehen und Widerstand erprobt. Nun bleibt abzuwarten ob die Bewegung auch ohne das Theatergebäude bestehen wird.

 

[i] reporter.al: Hoteli me 5 yje në Barcelonë u pagua 2 herë (…), 20.03.2020, URL: https://www.reporter.al/hoteli-me-5-yje-ne-barcelone-u-pagua-2-here-nga-fusha-dhe-bashkia-e-tiranes/.   

[ii] Mariya Gabriel [Twitter], 15.05.2020, URL: https://twitter.com/GabrielMariya/status/1261227201845919744.

[iv] Open Letter: An Open Letter to the International Art Community: Stop Artwashing Edi Rama's Politics, XX.05.2020, URL: https://docs.google.com/document/u/0/d/1gOD6TJ9YMBrqiL-tRTOmScaUnd9XwVfG3vO-3nbfbpg/mobilebasic.

[v] Edi Rama, in: Anri Sala: Dammi i Colori [Give me the Colors], 2003. 

[vi] Edi Rama [Facebook], 17.05.2020, URL: https://www.facebook.com/edirama.al/videos/738655056961658/.

[vii] Aleanca për Mbrojtjen e Teatrit [Facebook], 17.05.2020, URL: https://www.facebook.com/mbroteatrin/photos/a.241202919772408/670973313462031/.

[ix] Marion Kraske [HBS]: SARS-CoV-2 in Albanien: Drohgebärden und Verräter-Rhetorik, 29.04.2020, URL: https://www.boell.de/de/2020/04/29/SARS-CoV-2-in-Albanien-Drohgebaerden-und-Verraeter-Rhetorik.